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Protokoll eines Interviews

durch Mr. Basil Wolfrhine von SchottenRadio mit dem erfolgreichen Detective Chief Inspector Paul O’Brien vom C.I.D. Inverness.

Die Ausstrahlung erfolgte am 20. 03. 2010 durch SchottenRadio. (www.schottenradio.de)


SchottenRadio: »Mr. O’Brien, Sie wurden einem breiten Leserpublikum bekannt durch die Kriminalromane von Claus H. Stumpff ›Das schottische Medaillon‹ und ›Ein mörderisches Komplott – Der Schwur am Shaw Hill Castle‹. Sie erklärten sich freundlicherweise zu diesem Interview bereit.«
Paul O’Brien: »Gerne! Nur zu, fragen Sie!«
SchottenRadio: »Sie sprechen perfekt Deutsch, wie kommt das?«
Paul O’Brien: »Meine Großmutter mütterlicherseits stammt aus Hamburg. Dort verliebte sie sich 1946 in einen Captain der britischen Besatzungstruppe. Sie folgte ihm dann in seine nordirische Heimat, wo sie bald darauf heirateten. Einige Jahre danach wurde meine Mutter geboren. Sie war noch sehr jung, als sie meinem Vater begegnete und ihn heiraten musste, weil ich unterwegs war. Die Ehe war sehr unglücklich. Leider starb meine Mum, als ich gerade zwei Jahre alt war. Meine Granma zog mich alleine auf und sprach nur Deutsch mit mir. So wuchs ich eben zweisprachig auf.«
SchottenRadio: »Auch die Hörer von SchottenRadio würden gern einiges mehr über Sie als einen der erfolgreichsten Kriminalisten Schottlands erfahren. Erst kürzlich gelang es Ihnen wieder, eine spektakuläre Mordserie aufzuklären. Was führte Sie als Engländer ausgerechnet in den Norden Schottlands nach Inverness?«
Paul O’Brien: »Gute Frage. Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, war ich zuvor Detective Chief Inspector bei Scotland Yard in London und stand kurz vor meiner Beförderung zum Detective Superintendent. Doch dann wurde ich nach hier versetzt.«
SchottenRadio: »Aber nicht ganz freiwillig, wenn wir richtig informiert sind – oder?«
Paul O’Brien: »Stimmt! Das geschah zur Strafe, denn ich hatte mir zuvor bei einem Verhör etwas zuschulden kommen lassen.«
SchottenRadio: »Aha! Worum ging es dabei?«
Paul O’Brien: »Ein Mann hatte aus Eifersucht seine ehemalige Geliebte und deren neuen Freund erstochen. Die Beweislage war eindeutig. Trotzdem hatte der Kerl die Tat hartnäckig geleugnet und mich durch unflätige Beleidigungen bis zur Weißglut gereizt. Als er mich dann mit ›Du perverses Nazischwein‹ beschimpfte, ging mir halt der Gaul durch. Ich polierte ihm sein unverschämtes Maul und verstieß damit gegen die Dienstvorschrift. Na ja, die Konsequenz war meine Versetzung nach Inverness.«
SchottenRadio: »Man sagt Ihnen eine gewisse Grobheit nach. Was sagen Sie dazu?«
Paul O’Brien: »Ach wissen Sie, als junger Constable versah ich einige Jahre in Belfast und London den Streifendienst. Gegenüber meinen älteren und erfahrenen Kollegen musste ich mich behaupten, zumal ich mit nur 1,78 der Kleinste von allen war. Da gewöhnt man sich leicht eine derbe Ausdrucksweise an. Aber ich versichere Ihnen, dass der Gassenjargon nicht meine Sache ist.«
SchottenRadio: »Und wie wurden Sie hier aufgenommen, also als Engländer unter lauter Schotten?«
Paul O’Brien: »Für die hier gelte ich immer noch als ›Sassenach‹. Sie kennen vielleicht diese herabwürdigende Bezeichnung für einen Engländer in Schottland. Obwohl das auf mich gar nicht zutrifft.«
SchottenRadio: »Natürlich nicht, denn Sie stammen schließlich aus Nordirland. Bitte verraten Sie uns mehr darüber!«
Paul O’Brien: »Nun, ich wurde im nordöstlichen Küstenstädtchen Larne geboren. Mein Vater besaß dort eine Metzgerei. Er wollte unbedingt, dass auch ich diesen Beruf erlernte. Aber den Gefallen tat ich ihm nicht, sondern wurde Polizist. Ich hasste nämlich die Art und Weise, wie der Alte mit dem armen Schlachtvieh umging. Ich war noch ein kleiner Junge, als ich zuschauen musste, wie mein Dad lachend und mit einer unter seinem bauschigen Schnauzbart hervorlugenden Zigarre ein Kälbchen zur Schlachtbank führte. Anschließend drückte er – vor sich hin pfeifend – die Zigarrenglut auf dem Fell des zuckenden und sich vor Schmerzen aufbäumenden Tieres aus, hob die Axt, und mit belustigter Miene brachte er es durch einen gewaltigen Schlag auf die Stirn zu Fall. Und was danach an blutigem Gemetzel geschah, konnte ich nie vergessen. Etwas humaner erschien mir dann die Tötung mittels eines Bolzenschussgeräts. Aufgrund der mit diesem Instrument gemachten Erfahrungen gelang es mir übrigens, die von Ihnen eingangs erwähnte Mordserie aufzuklären.«
SchottenRadio: »Was in dem Krimi ›Ein mörderisches Komplott – Der Schwur am Shaw Hill Castle‹ zum Ausdruck kommt?«
Paul O’Brien: »Genau!«
SchottenRadio: »Man munkelt, Sie seien ein erklärter Feind von Bärten, langen Haaren, Koteletten und Glatzen. Ist dem so?«
Paul O’Brien: »Ja, das stimmt. Den vom Zigarrenrauch stinkenden und bräunlich gefärbten Schnauzbart meines Vaters fand ich ekelhaft. Außerdem machte ich immer wieder die Erfahrung, dass Männer hinter ihren Bärten eine gewisse Unsicherheit verbergen wollen. Mit Glatzen, extrem langen Haaren oder Pferdeschwänzen dagegen wollen sie bloß Aufmerksamkeit erregen. Solche Frisuren finde ich abscheulich und lehne sie strikt ab.«
SchottenRadio: »Aber dafür boxen Sie – oder?«
Paul O’Brien: »Wie kommen Sie denn darauf?«
SchottenRadio: »Na ja, wenn man sich so Ihre typische Boxernase betrachtet ...«
Paul O’Brien: »Darum also! Nein, diese Sportart ist nichts für mich. Meine eingedrückte Nase ist das Ergebnis eines Berufsunfalls.«
SchottenRadio: »Was war denn da passiert?«
Paul O’Brien: »Als junger Detective Sergeant sollte ich Hausbewohner befragen. Eine alte Frau schlug wütend die Tür vor mir zu. Da stand wohl meine Nase etwas im Weg.«
SchottenRadio: »Wie tragisch! Doch nun eine ganz andere Frage: Trinken Sie, ich meine Bier, Wein Whisky, also Alkohol? Und rauchen Sie?«
Paul O’Brien: »Nein, beides widerspricht meiner Auffassung von einer gesunden Lebensführung. Obwohl, gegen ein Gläschen Wein hin und wieder habe ich nichts einzuwenden. Auch zu einem guten schottischen Whisky sage ich nicht grundsätzlich ›nein‹. Ein Säufer bin ich allerdings nicht, wenn Sie das meinen.«
SchottenRadio: »Aber irgendein kleines Laster werden Sie doch wohl haben!«
Paul O’Brien: »Okay, ich gehe gerne gut essen, am liebsten zum Italiener. Ich halte nicht viel von schottischen Restaurants, die außer dem Nationalgericht Haggis dem Gast nichts Schlimmeres anzubieten haben.«
SchottenRadio: »Und wie steht’s mit der Liebe?«
Paul O’Brien: »Ich liebe vor allem meinen Beruf! Kein weiterer Kommentar.«
SchottenRadio: »Dann unterscheiden Sie sich deutlich von den meisten Ihrer Kollegen aus der Kriminalliteratur. Die sind supersportlich, rauchen, saufen, fluchen wie die Seeleute und liegen jeden Tag mit einer anderen Schönen im Bett.«
Paul O’Brien: »Das ist der Unterschied zwischen Realität und Fiktion. Der Detective im Krimi kann sich alles das leisten, was sich sein Kollege in der realen Welt nicht erlauben darf und kann. Und ich sage Ihnen: Nach einem anstrengenden Arbeitstag mit endlosen Verhören verspürt man keine Lust mehr am Herumvögeln. Da will man seine Ruhe haben, denn gleich am nächsten Tag geht’s im harten Berufsalltag weiter.«
SchottenRadio: »Ist denn so ein asketisches Leben nicht total langweilig?«
Paul O’Brien: »Was heißt hier ›total langweilig‹? Halten Sie mal mit gezückter Pistole zwei schwer bewaffnete Ganoven in Schach und warten sehnsüchtig auf Unterstützung durch den leider im Stau stecken gebliebenen Kollegen. Da vergeht Ihnen schon die Langeweile.«
SchottenRadio: »Klar, verstanden. Doch nun was ganz anderes, Mr. O’Brien. Gab es auch Situationen, an die Sie heute nur noch mit einem gewissen Schaudern zurückdenken?«
Paul O’Brien: »Hm. Lassen Sie mich nachdenken. Ach ja! Das geschah in den Western Highlands, in Fort William. Dort ging es um einen grausamen Mord, den ein junger Deutscher verübt haben sollte. Die örtliche Polizei kam mit ihren Ermittlungen nicht weiter und forderte mich an. Weil im Ort alle Hotels ausgebucht waren, fand ich nur noch Unterkunft in einem abseits gelegenen, unansehnlichen Privathaus. Das Zimmer in dem alten Gebäude roch muffig und die Matratze des zu schmalen Bettes war total durchgelegen. Was mir aber am wenigsten behagte, waren die Waschgelegenheiten. Bevor ich schlafen ging, suchte ich noch das mit Gerümpel vollgestopfte Badezimmer auf. Ich war von Ekel erfüllt, als ich auf der Ablage über dem Waschbecken zwei Gläser mit den künstlichen Gebissen der Vermieter, eines älteren Ehepaares, stehen sah. Die fleischfarbenen Gaumen mit den grauweißen Ersatzzähnen schwammen in einer trüben Suppe aus Essensresten und schienen nach weiterer Nahrung zu gieren. Ich war gewiss nicht zimperlich, aber dieser Anblick hatte mich mit einem solchen Abscheu erfüllt, dass ich nur wenig Schlaf fand bei dem Gedanken, am nächsten Morgen wieder diesen Raum aufsuchen zu müssen. So erschien ich missgelaunt und hungrig in meiner provisorischen Dienststelle, denn ich hatte kaum etwas zu mir genommen. Am gemeinsamen Frühstückstisch war mir nämlich der Appetit vergangen, als ich die beiden Alten lächelnd dieselben dritten Zähne blecken sah, die nachts zuvor in der milchigen Brühe schwammen. Ich war heilfroh, wieder am Schreibtisch des Vernehmungsraums sitzen zu können.«
SchottenRadio: »Kann man sich gut vorstellen, Mr. O’Brien. Nun berichten Sie unseren Hörern bitte noch etwas über den grausamen Mord in Fort William.«
Paul O’Brien: »Nun, das war so: Im Hafengelände hatte sich ein Mann im Wrack eines Fischtrawlers ein Nachtlager gesucht und wurde dort erstochen aufgefunden. Die Bergung seiner Leiche war äußerst problematisch. Das schrottreife Schiff musste wasserseitig mittels dicker Balken abgestützt werden, um ein vorzeitiges Umkippen zu verhindern. Man schleppte eine Motorsäge herbei und schnitt in den Schiffsrumpf ein großes Loch. Das scheuchte einen gewaltigen Fliegenschwarm auf, der die davorstehenden Männer wild surrend umkreiste. Der bestlialische Gestank, der nun aus dem Wrack austrat, war kaum zu ertragen, sodass sich alle Männer mit nassen Tüchern die Nasen bedeckten. Mehr dazu verrät Ihnen der Kriminalroman ›Das schottische Medaillon‹.«
SchottenRadio: »Und was war Ihr aufregendstes Erlebnis?«
Paul O’Brien: »Das war ein Polizeieinsatz, bei dem es um Leben oder Tod ging. Aber das ist eine lange Geschichte. Näheres darüber lesen Sie am besten selbst im Kriminalroman ›Ein mörderisches Komplott – Der Schwur am Shaw Hill Castle‹.«
SchottenRadio: »Mr. O’Brien, erlauben Sie uns zum Schluss noch eine ganz persönliche Frage. Sind Sie verheiratet oder haben Sie eine Freundin?«
Paul O’Brien: »Ach wissen Sie, ich habe mir angewöhnt, meine Privatangelegenheiten nicht vor der Öffentlichkeit auszubreiten. Diese Frage möchte ich Ihnen hier nicht beantworten. Sie können alles über mich und meine persönliche Lebenssituation in den bereits erwähnten Kriminalromanen nachlesen.«
SchottenRadio: »Mr. O’Brien, wir danken Ihnen für dieses Interview!«